Jahrzehnte im Zeitraffer
Für die größten Füße der Welt 1

Es war 1987, als mein Bruder Peter und ich auf große PR-Reise gingen. Wir, die Wessels-Brüder aus dem kleinen Vreden im westlichen Münsterland, wollten die USA erobern!

Die Amerikaner hatten uns „entdeckt“, nachdem wir im selben Jahr mit den größten Schuhen der Welt in Größe 69 für Mister Harley Davidson im Guinness Buch der Rekorde aufgetaucht waren. Die Veröffentlichung brachte uns diverse Einladungen ins US-Fernsehen und wir waren verrückt genug, alle anzunehmen. Mit zwei Paar Duplikaten unserer Riesenschuhe machten wir uns auf die Reise über den Atlantik und die Zeit verstrich im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug, denn ich schlief tief und fest …

Nun wollte es der Zufall, dass der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow am selben Tag nach Amerika flog, um mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan nach Jahren des Wettrüstens zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO einen Abrüstungsvertrag für die in Europa stationierten, nuklearen Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper zu unterzeichnen. Alle Welt blickte auf dieses historische Ereignis. Die feierliche Unterzeichnung des sogenannten INF-Vertrags war für den nächsten Tag, Dienstag, 8. Dezember 1987, im Weißen Haus geplant.

Als ich beim Landeanflug die Augen aufschlug, war ich ganz benommen von einem Traum, der mir so plastisch vor Augen stand, dass ich ihn gleich Peter erzählen musste.

„Stell Dir vor“, begann ich, „wir standen mit unseren großen Schuhen an den Füßen vor dem Weißen Haus und haben für eine Welt ohne Waffen demonstriert.“

„Was?“ Peter schüttelte sich vor Lachen.

„Ja!“, bekräftigte ich. „Wir hielten ein Plakat hoch, auf dem stand: ‚Ohne Waffen könnte die ganze Welt auf so großem Fuß leben‘!“

„Das ist ein guter Witz“, meinte Peter. „Stimmt ja auch irgendwie. Ist eine super Geschichte …“

Der Flieger landete und der Traum war zunächst vergessen. Es war Abend an unserem Zielort, Pittsburgh, Pennsylvania, und wir waren froh, von unserem alten Freund Ralph in Empfang genommen zu werden und mit ihm und Günther, ebenfalls aus Vreden stammend, den Abend zu verbringen. (…)

Ich erzählte ihnen meinen Traum und innerhalb weniger Minuten wurde er zu einer ansteckenden Idee. Unsere Freunde redeten auf uns ein, wir sollten sie wahr machen. Peter und ich waren weder medienscheu noch ängstlich und für verrückte Ideen schnell zu haben. Immerhin waren wir auf PR-Tour! In diesem Fall hatten wir ja sogar schon Vorarbeit geleistet.

Ich hatte beiden Staatsmännern im September einen Brief geschrieben, den einen an den Kreml, den anderen ans Weiße Haus adressiert. Im Hinblick auf die Vertragsverhandlungen hatten wir jedem ein Paar maßgefertigte „Cowboy-Stiefel nach Münsterländer Art“ versprochen, vorausgesetzt, sie würden uns Maß nehmen lassen. Reagan sollte damit „gegenüber Herrn Gorbatschow standfest bleiben“, wie ich schrieb, und Gorbatschow „dem Präsidenten der USA in nichts nachstehen“. Da war es doch nur konsequent, den beiden Herren jetzt unsere Aufwartung zu machen, auch wenn sie auf meine Briefe nicht geantwortet hatten (…)

Am nächsten Morgen starteten wir sehr früh im vollgetankten Cadillac von Günther in Richtung Osten. Wir fanden alles so vor, wie es die Freunde beschrieben hatten: Das Weiße Haus war ausgeschildert und ein livrierter Mann mit Zylinder nahm wenige hundert Meter vom Ziel entfernt unser Auto in Empfang, um es in der Tiefgarage zu parken. Peter holte die zwei Paar Schuhe aus dem Kofferraum und ich schnappte mir das Transparent mit der Aufschrift "Without arms, we could live a Grand life style" Langsam wurden wir nervös. Was hatten wir uns da für eine Schnapsidee ausgedacht? Aber jetzt waren wir schon einmal da und wie es aussah, außer uns niemand. Trotzdem bauten wir uns schön vor dem Zaun auf, stiegen in unsere Riesenschuhe, rollten das Plakat aus und blickten uns um. Erst jetzt entdeckten wir in etwa fünfhundert Metern Entfernung die großen TV-Übertragungs-Lkw mit den Satellitenschüsseln auf dem Dach und aufgeregt hin und her laufenden Journalisten. Offenbar nahmen die auch uns gerade wahr und kamen mit ihren Kameras angerannt. Sie hielten uns die Mikros unter die Nase und bombardierten uns mit Fragen. Als klar wurde, dass wir Deutsche waren, fragten sie, ob wir von der grünen Partei wären – vielleicht weil ich einen grünen Trenchcoat und Peter eine grüne Jacke trug.

Es dauerte nicht lange, da liefen von links und rechts Polizisten herbei und machten Anstalten, uns zu verhaften, weil wir uns in der Bannmeile befanden. Als sie verstanden, dass dies ein Versehen war und wir nichts Böses im Schilde führten, wurden sie zugänglicher und forderten uns lediglich auf, auf der anderen Seite des White House zu demonstrieren. Erst jetzt sahen wir dort den Riesenauflauf. Tausende wollten dem historischen Ereignis beiwohnen. Für unseren Geschmack hatten wir jedoch genug demonstriert. Wir packten zusammen, machten noch einen Spaziergang durch Downtown und fuhren zurück (…)

Bezugsquellen:
wessels-schuhe.com
kult-westmuensterland.de
novabuch.buchhandlung.de/shop

Aus:
Georg Wessels
Für die größten Füße der Welt
Schuh- und andere Geschichten